Nachruf für Hans Thoma

von Timo Roller

2.2.2017

Hans Thoma aus Landshut ist am 30. Januar 2017 im Alter von 93 Jahren verstorben. Er war einer der wichtigsten Erforscher des Arche-Noah-Berges Cudi Dagh im Südosten der Türkei.

Aufgrund der fragilen politischen Verhältnisse in der Gegend waren insgesamt nur wenige Menschen in den letzten 120 Jahren auf dem Gipfel des Bergs. Hans Thoma war einer von ihnen. Er führte 1983 eine Handvoll Gefährten zu diesem Berg, nachdem das eigentliche Ziel der Expedition, der Berg Ararat, bereits bewältigt war.

Hans Thoma (27.1.1924–30.1.2017)

Hans Thoma war Finanzbeamter von Beruf, seine Berufung aber waren die Berge. Wieviele Berggipfel er wohl erklommen hat in seinem langen Leben: in der Schweiz, in Nepal, in aller Welt – auch in der Türkei? Als junger Mann ging er zu den Gebirgsjägern, von 1949 bis 1954 war er Vorsitzender der Sektion Landshut des Deutschen Alpenvereins. Auf seine Initiative hin wurde 1957 der »Bergfahrtendienst« gegründet, der heutige »DAV Summit Club«: Bergsteigerschule und Reiseveranstalter. Bis zuletzt blieb er dem Verein eng verbunden.

Als wissbegieriger Mensch hatten es ihm nicht nur die Heimatgeschichte von Landshut, die Natur der Berge und die Kultur vieler Länder angetan, sondern offenbar auch die alten Überlieferungen und Mythen des Orients. Nüchtern und undogmatisch nimmt er die Sagen der Einheimischen, die Legenden Anatoliens und Mesopotamiens in seine Reiseerzählungen auf. Und auch die Geschichten der Bibel. Der Berg Cudi hat es ihm besonders angetan, obwohl dieser im Bewusstsein der Christen und auch aus alpinistischer Sicht weit im Schatten des Ararat steht. Einem Kapitel über den alternativen Arche-Berg verlieh Hans Thoma die Überschrift: »Wo Noah wirklich gelandet ist«.

Während meiner Forschungen ab dem Jahr 2007 stieß ich nach und nach auf die wenigen Menschen, die sich mit dem Cudi Dagh befassten. Einige von ihnen – Bill Crouse, David Rohl oder Charles Willis – waren in der Osttürkei gewesen, auf den Gipfel des Cudi hatte es keiner geschafft.

Die Thoma-Gruppe hatte die Genehmigung zum Besteigen des Bergs und auch das nötige Glück. Und doch war die Besteigung des nur 2114 Meter hohen Gipfels kein einfaches Unterfangen: Die Bergsteiger wurden von bewaffneten Gendarmen begleitet, kämpften gegen die Hitze und qualvollen Durst.

Im September 2009 besuchte ich die Cudi-Abenteurer aus Landshut zum ersten Mal: Hans Thoma, sein Sohn Christoph sowie Otmar Reiter erzählten von ihrer Reise, zeigten mir zahlreiche Fotos sowie die eindrucksvolle Kopie eines Sanherib-Reliefs vom Fuße des Bergs. Ein Höhepunkt: Hans Thoma überließ mir einen von zwei kleinen Gesteinbrocken, die er auf dem Berg von einem Einheimischen erhalten hatte. Überreste der Arche? Eher nicht, wie eine Analyse inzwischen ergab – aber doch ein Stück Gestein vom Berg Cudi, möglicherweise verkohlt von dem verheerenden Feuer, das im Jahr 776 n.Chr. ein Kloster auf dem Berg vernichtete. Vielleicht gab es zumindest bis dahin noch Überreste der Arche auf dem Cudi Dagh, von denen Flavius Josephus im ersten nachchristlichen Jahrhundert berichtet hatte.

Während des Besuchs 2009: Hans Thoma, Otmar Reiter und Christoph Thoma (v.l.n.r.)

Die Informationen von Hans Thoma und der weitere intensive Kontakt zu Otmar Reiter ermöglichten mir Zugriff auf Material, das für die internationale Forschung des alternativen Arche-Berges unverzichtbar war. Zusammen mit Unterlagen des Geologen Friedrich Bender waren sie das Fundament eines Vortrags mit dem Titel »The German Explorers of Cudi Dağı«, den ich im Jahr 2013 auf einem Symposium der Universität Sirnak in Sichtweite des Cudi-Gipfels halten konnte. Die Vorbereitungen auf diese Reise und auch die Arbeit an meinem Buch »Das Rätsel der Arche Noah« verfolgte Hans Thoma mit großem Interesse. Immer wieder erreichten mich ermutigende Worte, und mit einem persönlichen Bericht über »Eine Besteigung des Cudi-Berges« bereicherte er mein Buch außerordentlich.

Nach der Veröffentlichung meines Buches, am 15. Juli 2014, fuhr ich noch einmal nach Landshut, um mich mit Hans Thoma und Otmar Reiter auszutauschen. Und nun kehre ich ein weiteres Mal von dort zurück und sitze im Zug nach Hause. Seine Angehörigen, seine Reisegefährten und viele Freunde mussten heute von ihm Abschied nehmen. Nachrufe und Trauerreden zeigten die zahlreichen Facetten das Leben von Hans Thoma und sein großes Engagement in unterschiedlichen Bereichen. Von all diesen Facetten war die Besteigung des Berges Cudi eine eher nebensächliche. Für mich jedoch eine sehr bedeutende.

Ich selbst und vielleicht auch einige andere, die sich für die historischen Hintergründe der Bibel interessieren, werden Hans Thoma als einen der wichtigsten »Erforscher des Cudi Dagh« in Erinnerung behalten. Seiner Familie wünsche ich den Trost und den Segen Gottes.

Vor der Beerdigung war die Trauerfeier in der Ev. Christuskirche in Landshut

Mit diesem Abschnitt aus meinem Buch »Das Rätsel der Arche Noah« soll der Verstorbene noch einmal selbst zu Wort kommen:

Eine Besteigung des Cudi-Berges

von Hans Thoma

Wir waren zu sechst. In zwei VW-Transportern kamen wir zunächst zum Ararat. Wir bestiegen ihn und fuhren dann den langen Weg in den Süden nach Cizre. Dank guter Vorbereitung erwartete uns dort eine Erlaubnis zum Besuch des anderen Arche-Berges, des »Djebel el-Djudi«. Denn für unsere Pläne hatten wir nicht nur im Präsidium des Türkischen Alpenvereins prominente Befürworter, sondern auch an anderen entscheidenden Stellen in Ankara. Das Genehmigungsdokument ermöglichte uns den Aufstieg noch am selben Tag.

Europäer hatten sich um den Berg Cudi lange nicht gekümmert. So wurde er auch nicht sonderlich bekannt. Außerdem machten Grenznähe und blutige Konflikte zwischen Türken und Kurden den Besuch immer schon schwierig. Inzwischen weiß man mehr über den Cudi. Er ist 2114 m hoch und man geht ihn vom 1300 Höhenmeter tiefer gelegenen Dörfchen Giriculyan aus an. Von da führt der Weg unterschiedlich steil in die von Steineichensträuchern bewachsene Südflanke des Cudi-Massivs. Weiter dann durch eine Felsenscharte zum Rücken des Berges, der allmählich sanfter in die Gipfelregion leitet. »Cebrail Kapisi«, »Gabriels Tor« heißt die felsige Einschartung, wo nach muslimischer Überlieferung Erzengel Gabriel die schwimmende Arche erwartete. Oben im höchsten Cudi-Bereich kennzeichnet eine zehn mal zehn Meter große Fläche, waagerecht wie ein Zimmerboden und eingefriedet mit groben Felsbrocken, den heiligen Platz »Sefine Yeri«, wo die Arche schließlich stillhielt.

Unsere Erkundungsmannschaft sah sich vor dem Aufbruch personell verstärkt: So hat uns Hodscha Abdullah Yasin begleitet, Schreiber von Büchern über die Sintflut und (späterer) Museumsdirektor in Cizre. Auch kam der 8-jährige Türkenjunge mit, aufgewachsen in Berlin, der jede, auch die nichtigste Bemerkung mit der Floskel »kiek mal« einleitete. So nannten wir ihn einfach »Kiekmal«. Unsere Eskorte wurde von zwei Soldaten mit G3-Gewehr gebildet.

Erstes Ziel war Giriculyan. An herrlicher Quelle füllten wir zwei 20-Literkanister mit bestem Quellwasser. Aber der Pferdeführer und sein verrückter Helfer schütteten das köstlich-frische Wasser aus: Oben beim Brunnen am Weg liefe »Wasser armdick«. Dieser Brunnen aber war versiegt: Durstig alle Beteiligten. Wütend hauen sie dem Pferdeführer das köstliche von ihm vernichtete Wasser um die Ohren. Die Soldaten erwägen, ihn zu erschießen!

Die Hitze ist barbarisch, das Wandern mühsam, der Wassermangel macht uns Sorgen. Unser Kiekmal ist schweigsam geworden. Im roten Schein eines theatralischen Sonnenuntergangs erreichen wir die heiligen Stätten. Die Traglasten der Pferde poltern zu Boden. Der verrückte Pferdetreiber führt die Tiere ein Stück tiefer in flacheres Gelände. Auf dem Rückweg steckt er einen einsamen Tragant-Strauch in Brand. Da kommt einem der brennende Dornbusch der Bibel in den Sinn.

Alpinistisch recht untergeordnet, ist der Cudi mit Mythologie vollgesogen wie ein Schwamm. Oben haben wir hinfällige Einfachbauten, laubhüttenähnlich, mit Namen, die an Noah erinnern. Wir bereiten uns ein Lager in »Noahs Kirche«. Der Lehmboden ist hart und bucklig. Lang leuchtet die Glut des brennenden Dornbuschs noch zu uns herauf.

Der nächste Tag zeigt Landschaft, Bauten und Bilder, die zu Besuch einladen und Erkundung. Aber wir haben keine Zeit. Uns plagt der Durst. Wir steigen ab nach Besiri, wo uns der bestellte Minibus erwarten soll. Aus dem ersten Haus kommt eine junge Frau mit Baby und einem Becher kühlen, frischen Wassers. Sie macht beruhigende Zeichen: Davon sei noch mehr da!

Letztes persönliches Treffen und Austausch im Juli 2014: Hans Thoma (rechts) und Otmar Reiter

 

 

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