Das Rätsel der Arche Noah

Arche-Noah-Nachbau in Kentucky

Eine Arche Noah in Kentucky

Spott und Verachtung gegenüber bibeltreuen Christen

4.7.2016

Die größte Arche seit über 4000 Jahren wird am 7. Juli 2016 im US-Bundesstaat Kentucky eröffnet. Sie soll mit 155 Metern Länge annähernd die Größe von Noahs Arche haben, wie sie in der Bibel beschrieben wird. Gott wies Noah an: »Mache dir einen Kasten von Tannenholz und mache Kammern darin und verpiche ihn mit Pech innen und außen. Und mache ihn so: Dreihundert Ellen sei die Länge, fünfzig Ellen die Breite und dreißig Ellen die Höhe.« (1. Mose 6,14–15)

Die Arche ist fast fertiggestellt. Foto: Answers in Genesis

Die Berechnung der Amerikaner basiert auf der großen hebräischen Elle (auch »königliche Elle«) mit etwas mehr als 50 Zentimetern. Damit ist die Arche größer als die bisherigen Nachbauten des Niederländers Johan Huibers (137 Meter bzw. 68,5 Meter als Version in halbem Maßstab) sowie der 140-Meter langen Version auf der Ma-Wan-Insel in Hongkong.

Ken Ham, Präsident der Organisation »Answers in Genesis«, hat das Projekt »Ark Encounter« in Kentucky initiiert. Die Arche befindet sich in Williamstown, 45 Autominuten vom »Creation Museum« entfernt, wo »Answers in Genesis« seit einigen Jahren ihre kreationistische Weltsicht präsentiert, die sich auf eine wörtliche Auslegung der Bibel beruft. Demnach wurde die Erde vor etwa 6000 Jahren in sechs Tagen erschaffen. Dinosaurier lebten zeitgleich mit den Menschen auf der Erde und sind wohl einige Zeit nach der Sintflut ausgestorben. Im Buch Hiob werden saurierartige Geschöpfe erwähnt und sie gehören deshalb auch zu den zahlreichen Tiermodellen, die in der Arche zu sehen sein werden. Drei Millionen Menschen haben bisher das »Creation Museum« besucht.

So originalgetreu wie möglich

Der Nachbau ist aus Tannenholz – im Gegensatz zu den bisherigen Replikaten wollte man sich hier so eng wie möglich an die Bibel halten, auch wenn nicht sicher ist, ob das in der Bibel erwähnte »Gopher-Holz« tatsächlich Tannenholz beschreibt. Der Begriff »gopher« kommt nur dieses eine Mal in der Bibel vor. Jedenfalls ist Ark Encounter nun das größte freistehende Holzbauwerk der Welt. Viele Holzhandwerker sind Amische, die in dieser Konstruktionsweise besondere Fähigkeiten haben. Einer der Bautechniker ließ sich entgegen der üblichen Gepflogenheiten der Amischen vor der Arche fotografieren, weil er sich als gesegnet sieht, »an diesem Bauwerk mitgearbeitet zu haben, das Gott die Ehre gibt.«

Ein amischer Holzhandwerker vor dem Arche-Fachwerk. Foto: Answers in Genesis

Im Gegensatz zu Johans Arche, die auf einer schwimmenden Plattform errichtet wurde, kann die AiG-Arche nicht schwimmen. Sie ist ein Bauwerk mitten auf dem Land, 370 Kilometer vom Eriesee und 730 Kilometer vom Atlantik entfernt. »Ark Encounter« ist als Themen-Freizeitpark konzipiert, der an den biblischen Bericht von der Arche erinnern will und an die Glaubenstreue Noahs. Weitere Attraktionen sollen der 100 Millionen Dollar teuren Arche folgen: Eine Nachbildung des Turms von Babel, eine befestigte Stadt sowie ein Dorf aus der Zeit Jesu sind geplant. Es wird mit zwischen 1,4 und 2,2 Millionen Besuchern jährlich gerechnet.

Der Landeplatz der Arche

»Answers in Genesis« hat die Internetseite www.arkencounter.com eingerichtet, die neben den nötigen Auskünften für einen Besuch (ein Tagesticket für Erwachsene kostet 40 Dollar) auch einige Hintergrundinformationen zu den biblischen und außerbiblischen Arche-Überlieferungen bietet. Recht neutral und zurückhaltend verhält sich »Answers in Genesis« gegenüber diversen publik gemachten »Funden« oder Überzeugungen, wo Überreste der Arche zu suchen wären. Man listet die vermeintlichen Fundorte auf und vergisst dabei auch nicht den Berg Cudi, der in meinen Augen aus historischer Sicht als Landeplatz der Arche gelten muss.

Hinweis auf den Berg Cudi. (Screenshot)

War die echte Arche viel größer?

Zwar ist die Kentucky-Arche nun der größte Nachbau der Welt – doch ich halte es für möglich, dass die echte Arche noch erheblich größer war. Als ich im Herbst 2013 in der Stadt Cizre am Berg Cudi war, hatte ich die Gelegenheit, das angebliche Grab Noahs zu besuchen. Der dort gezeigte Sarkophag ist etwa 6 Meter lang: Noah sei riesig gewesen, so die Überzeugung der Einheimischen.

Dass die Menschen vor der Flut älter wurden, steht in der Bibel – dass sie auch größer wurden, nicht direkt. Aber es ist aus unterschiedlichen Gründen gut möglich. So wurde ich bei einem Vortrag von einem Zuhörer auf eine Bibelstelle hingewiesen. Lange Zeit nach der Flut, während der Landnahme, lebte ein Riese, der dort beschrieben wird: »Denn allein der König Og von Baschan war noch übrig von den Riesen. Siehe, in Rabba, der Stadt der Ammoniter, ist sein steinerner Sarg, neun Ellen lang und vier Ellen breit nach gewöhnlicher Elle.«

Dieser Sarg wäre somit ungefähr 4,50 m groß gewesen, besonders interessant ist aber der explizite Hinweis auf die »gewöhnliche Elle«. Das Maß zwischen Ellbogen und Fingerspitze eines gewöhnlichen Menschen war wohl deutlich kleiner, als wenn man die Elle des Königs Og als Maßstab genommen hätte. Wenn nun Noah als vorsintflutlicher Mensch mindestens von der Größe Ogs gewesen wäre, könnte seine Körpergröße und damit auch seine Elle doppelt so groß gewesen sein, wie wir das normalerweise annehmen würden. Dadurch wären auch die Bezugsgrößen für die Arche sehr viel länger und sie könnte in Wirklichkeit über 300 Meter lang gewesen! Natürlich ist dies Spekulation.

Der riesige »Sarg Noahs«. Foto: Timo Roller

Kritik, Polemik, Verachtung, Hass

Bereits im Vorfeld gab es Spott und Kritik am Bau der Kentucky-Arche, natürlich vor allem in den USA. Aber immer wieder schielte auch die Berichterstattung in Deutschland argwöhnisch nach Kentucky, so in der FAZ im August 2014: »Christliche Fundamentalisten errichten einen Freizeitpark nach dem Vorbild der Arche Noah. Homosexuelle, Katholiken und Protestanten dürfen sich nicht bewerben. Trotzdem gibt es Schützenhilfe vom Staat.«

Ken Ham wolle nur Mitarbeiter haben, die eine christlich-konservative (»fundamentalistische«) Einstellung teilen, heterosexuell seien und auch das kreationistische Gedankengut teilen. In den USA wird die Diskussion um »Polititical Correctness« noch viel schärfer geführt als bei uns, der Vorwurf der Diskriminierung wird sehr gerne als Waffe gegen unbequeme religiöse Gruppen eingesetzt. Es ist doch aber eigentlich eine Selbstverständlichkeit, dass Menschen, die so ein besonderes Bauwerk errichten und später damit für den christlichen Glauben werben werden, die Anliegen von »Answers in Genesis« weitgehend teilen sollten.

Auch der Vorwurf, der Staat Kentucky würde das Projekt mit vielen Millionen subventionieren, ist eine gewagte Interpretation: Steuererleichterungen für eine gemeinnützige Organisation, die christliche Werte vermittelt, sind ganz normal. Auch das Schaffen von über hundert Arbeitsplätzen und eines attraktiven Ziels für hunderttausende von Touristen dürfte im Interesse der Allgemeinheit liegen.

Wenn sich dann noch »Freidenker« darüber aufregen, mit der Darstellung der biblischen Geschichte würde »Answers in Genesis« einen Völkermord sowie Inzest propagieren und dies gefährde das Wohl von Kindern, machen sich diese wahrscheinlich eher lächerlich, als dass sie Menschen von einem Besuch abhalten. Trotzdem zeugt es auf erschreckende Weise von Hass und Verachtung gegen die vermeintlichen »Fundamentalisten«.

»Völkermord- und Inzest-Park« (Screenshot)

Es wird hier verzweifelt versucht, ein christliches Projekt anzugreifen – was zeigt, dass man auch in christlichen Ländern zunehmend unter Druck geraten kann, weil politische Strömungen, atheistische Lobbygruppen und angriffslustige Medien die Bibeltreuen ins Visier nehmen. Bei uns in Deutschland beginnt die Berichterstattung mit aggressiver Meinungsmache, die nicht nur spottet, sondern den Machern der Arche gleich den Untergang wünscht:

Als eine der ersten Publikationen hat die Süddeutsche Zeitung über die Eröffnung in Kentucky berichtet, es wird selbstverständlich viel gespottet – um am Schluss blanken Hass auf die dummen Kreationisten durchscheinen zu lassen. Man traut seinen Augen kaum, wenn Michaela Haas da schreibt: »Ich persönlich interpretiere Gottes Wille so: Sie möchte, dass sich alle Bibel-Leichtmatrosen in Kentucky versammeln, auf der Arche. Wenn alle zusammen sind, werden wir die Betonverankerung lösen und das Narrenschiff mit der nächsten Flutwelle auf hohe See schicken. Es wird dann schon rechtzeitig - wie ihr Vorbild - auf irgendeinem Berg stranden. Das Ding hat nur einen Nachteil: es kann nicht schwimmen.«

Aus Sicht der Autorin ist Gott also weiblich und es wäre am besten, wenn alle bibeltreuen Christen mitsamt der Kentucky-Arche im Meer versinken würde? Die Süddeutsche hat sich bereits des Öfteren mit Tiefschlägen gegen evangelikale Christen hervorgetan, erst kürzlich schrieb ihr Berlin-Korrespondent über den Anschlag eines Islamisten in Orlando: »Für diese Tat hätte er genauso gut auch ein evangelikaler Christ gewesen sein können.« (Siehe auch idea Spektum.)

Ken Ham sieht in unseren Zeiten gewisse Ähnlichkeiten zu den Zeiten Noah, als die Welt »voller Frevel« war: »Es wird immer mehr wie in Noahs Tagen, weil wir unsere Kultur immer weiter säkularisieren.« An der Arche Noah scheinen sich auch heute noch die Geister zu scheiden. Aber das ist nichts Neues.

Timo Roller

Die Arche auf Google Earth. Kartendaten: © 2016 Google

 

 

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